Artikel teilen! Hans Küng: Juden, Christen und Muslime sollten ihr Verhältnis zum eigenen Mittelalter und zur modernen Welt klären Von Hans Kün ...
Juden, Christen und Muslime sollten ihr
Verhältnis zum eigenen Mittelalter und zur modernen Welt klären
Von Hans Küng
Kürzlich erhielt der katholische Theologe Hans Küng den mit 10 000 Euro dotierten Abraham-Geiger-Preis 2009 für sein Lebenswerk. Wir dokumentieren nachfolgend jenen Teil seiner Dankesrede, der sich mit den notwendigen Reformaufgaben in Judentum, Christentum und Islam beschäftigt. Das Preisgeld stiftete Küng einem Studienfonds für Rabbinerstudenten am Abraham-Geiger-Kolleg in Berlin.
Angesichts dringend notwendiger Reformen unserer drei prophetischen Religionen stehen wir damals wie heute vor der Frage: Was soll in einer solchen Reform erhalten bleiben und was darf aufgegeben werden? In allen drei Religionen gibt es scharf akzentuierte positive wie negative Antworten. Die einen sagen: »Nichts soll bewahrt werden«, die anderen aber: »Alles soll bewahrt werden«:
»Nichts« soll bewahrt werden, sagen völlig säkularisierte Christen: Sie glauben oft weder an Gott noch an einen Sohn Gottes, sie ignorieren die Kirche und verzichten auf Predigt und Sakramente. Bestenfalls schätzen sie das kulturelle Erbe des Christentums: die Kathedralen der Gotik oder die Musik Johann Sebastian Bachs, den Wohlklang orthodoxer Liturgie oder auch – paradoxerweise – die Institution des Papsttums als Garant der etablierten Ordnung. Sie glauben an den Papst als Ordnungsfaktor, denken aber nicht daran, dessen Sexualmoral und Dogmatik zu folgen.paradoxerweise – die Institution des Papsttums als Garant der etablierten Ordnung. Sie glauben an den Papst als Ordnungsfaktor, denken aber nicht daran, dessen Sexualmoral und Dogmatik zu folgen. »Nichts« soll bewahrt werden, sagen aber auch völlig säkularisierte Juden: Sie halten nichts vom Gott Abrahams und der Väter, sie glauben nicht an dessen Verheißungen und an den Bund mit dem Volk Israel, sie ignorieren synagogale Gebete und Riten und mokieren sich über die Ultraorthodoxen.
Für ihr religiös entleertes Judentum haben sie vielfach eine moderne Ersatzreligion gefunden: den Staat Israel und die Berufung auf den Holocaust. Das kann auch säkularisierten Juden eine jüdische Identität und Solidarität verschaffen, scheint aber nicht selten auch die brutalen Maßnahmen der israelischen Armee gegen die Palästinenser in den besetzten Gebieten zu rechtfertigen.
»Nichts« soll bewahrt werden, sagen aber auch völlig säkularisierte Muslime: An einen Gott glauben sie nicht, den Koran lesen sie nicht, Muhammad ist für sie kein Prophet, die fünf Pfeiler des Islams spielen für sie keine Rolle, und die Scharia lehnen sie rundweg ab. Bestenfalls ist der Islam, freilich religiös entleert, zu gebrauchen als Instrument für einen politischen Islamismus oder Arabismus oder Nationalismus.
Es ist verständlich, dass als Gegenreaktion auf dieses »Nichts bewahren« der umgekehrte Ruf laut wird: »Alles bewahren.« Alles soll so bleiben, wie es ist und angeblich auch immer war:
»Kein Stein des großartigen katholischen Dogmengebäudes darf herausgebrochen werden, das Ganze würde wanken«,
proklamieren römische Integralisten und disqualifizieren Reformation wie Aufklärung als »Verrat an der Tradition«.
»Kein Wort der Halacha darf vernachlässigt werden; hinter jedem Wort steht der Wille des Herrn (Adonaj)«, protestieren ultraorthodoxe Juden.
»Kein Vers des Korans darf ignoriert werden, jeder ist in gleicher Weise unmittelbar Gottes Wort«, insistieren viele islamistische Muslime.
Hier überall sind Konflikte vorprogrammiert, nicht nur zwischen den drei, sondern vor allem in jeder der drei Religionen, wo immer diese Positionen kämpferisch oder aggressiv vertreten werden. Oft schaukeln sich die extremen Positionen gegenseitig hoch ...
Glücklicherweise bilden diese Extrempositionen in den meisten Ländern nicht die Mehrheit, wenn sie nicht gerade durch politische, wirtschaftliche, soziale Faktoren aufgeladen werden. Noch immer gibt es, je nach Land und Zeit verschieden groß, eine erhebliche Zahl von Juden, Christen und Muslimen, die – wiewohl sie in ihrer Religion oft gleichgültig, träge oder ignorant sind – doch keinesfalls alles in ihrem jüdischen, christlichen oder muslimischen Glauben und Leben aufgeben möchten. Die andererseits aber auch nicht bereit sind, alles zu bewahren: Sie sind nicht bereit, als Katholiken sämtliche hellenistischen Dogmen und römischen Morallehren zu schlucken oder als Protestanten jeden Satz der Bibel wortwörtlich zu nehmen oder als Juden sich in allem an die Halacha zu halten oder als Muslime sämtliche Gebote der Scharia streng einzuhalten.
Jede der drei abrahamischen Religionen hat fünf oder sechs epochale Umwälzungen, Paradigmenwechsel durchgemacht. Und so leben bis heute Menschen derselben Religion mental in verschiedenen Paradigmen, in verschiedenen zeitgeschichtlichen Konstellationen, von deren fortbestehenden Grundbedingungen sie geprägt bleiben:
So gibt es zum Beispiel im Christentum noch heute Katholiken, die geistig im 13. Jahrhundert leben: Gleichzeitig mit
Thomas von Aquin, den mittelalterlichen Päpsten und der absolutistischen Kirchenordnung. Man wird Papst Benedikt, Joseph Ratzinger, nie verstehen, wenn man nicht sieht, dass er im Grunde in
diesem mittelalterlichen römisch-katholischen Paradigma lebt und daher konsequenterweise die Reformation wie die Aufklärung vornehm als »Enthellenisierung«, um nicht zu sagen als »Abfall« vom
wahren Christentum abqualifiziert hat.
Es gibt aber auch manche Vertreter östlicher Orthodoxie, die geistig im 4./5. Jahrhundert geblieben sind und gleichzeitig mit den griechischen Kirchenvätern und den hellenistischen Konzilien
leben und jede Weiterentwicklung in Liturgie, Theologie und Kirchendisziplin ablehnen.
Und es gibt evangelikale Protestanten, besonders in den USA, die nach wie vor in der vormodernen Konstellation des 16. Jahrhunderts stecken geblieben sind. Deshalb sind sie grimmige Gegner vor
allem der Evolutionstheorie und der modernen Exegese und versuchen die buchstäbliche biblische Auslegung der Schöpfungsgeschichte selbst im Biologieunterricht der Schulen durchzusetzen.
Ganz ähnlich aber gibt es auch manche orthodoxe Juden, die im mittelalterlichen Judentum ihr Ideal sehen und sogar den modernen Staat Israel ablehnen. Umgekehrt sehen viele
Zionisten den Staat Israel rein modern-säkular. Doch zugleich streben sie mit Gewalt ein Großisrael in den Grenzen des davidisch-salomonischen Reiches an – mit verheerenden Folgen für ein
friedliches Zusammenleben mit den Palästinensern, von denen dann einige aus Verzweiflung zu Selbstmordattentaten greifen.
In ähnlicher Weise träumen manche Muslime noch dem großen arabischen Reich nach und wünschen sich die Vereinigung der arabischen Völker zu einer einzigen arabischen Nation (»Panarabismus«).
Andere aber, etwa in Iran, sehen nicht im Arabertum, sondern im Islam das Völkerverbindende und geben einem »Panislamismus« den Vorzug – mit dem schiitischen Islam als Vormacht.
Es ist offenkundig: Gerade in diesem Andauern, dieser Persistenz und Konkurrenz früherer religiöser Paradigmen im Heute liegt eine der Hauptursachen der Konflikte innerhalb der Religionen und zwischen den Religionen, Hauptursache der verschiedenen Richtungen und Parteiungen, der Spannungen, Streitigkeiten und Kriege.
Ich frage deshalb: Was war zur Zeit von Abraham Geiger und was ist auch heute noch für eine Reform der Religion die zentrale Streitfrage? Ich antworte: Wie verhält sich die jeweilige Religion zu ihrem eigenen Mittelalter (das zumindest in Christentum und Islam als die »große Zeit« gilt), und wie verhält sie sich folglich zur Moderne, wo man sich in allen drei Religionen in die Defensive gedrängt sieht.
Das Christentum hat nach der Reformation zumindest im Protestantismus einen weiteren Paradigmenwechsel, den der
Aufklärung, zur Moderne durchmachen können.
Das Judentum aber machte zuerst die Aufklärung durch (mit Moses Mendelssohn als großem Initiator) und erlebte im Anschluss daran zumindest im Reformjudentum in Deutschland und USA eine religiöse
Reformation.
Der Islam aber, der im 12. Jahrhundert die Philosophie und jedes neue Denken zugunsten der Orthodoxie verabschiedet hat, machte keine nachhaltige religiöse Reformation durch. Er hat von daher
auch mit der Moderne bis auf den heutigen Tag besonders schwerwiegende Probleme, wie etwa der mittelalterlich orientierte römische Katholizismus, dem es aber mithilfe des
Zweiten Vatikanischen Konzils gelungen ist, gewichtige Anliegen der Reformation und der Moderne aufzunehmen.
Viele Juden, Christen und Muslime, die das moderne Paradigma bejahen, verstehen sich untereinander besser als mit den je eigenen Glaubensgenossen, die in anderen Paradigmen leben. Umgekehrt können dem Mittelalter verhaftete Römisch-Katholische sich zum Beispiel in Fragen der Sexualmoral mit den »Mittelalterlichen« im Islam verbünden. (So geschehen auf der UN-Bevölkerungskonferenz in Kairo 1994.)
Wer Versöhnung und Frieden will, wird um eine kritisch-selbstkritische Paradigmenanalyse nicht herumkommen. Nur so lassen sich Fragen beantworten wie diese: Wo sind in der Geschichte des Christentums, wo sind im Judentum und im Islam die Konstanten und wo die Variablen? Wo besteht Kontinuität und wo Diskontinuität, wo ist Übereinstimmung gegeben und wo Widerstand geboten? Zu bewahren ist vor allem das Wesen, das Fundament, der Kern einer Religion und von daher die vom Ursprung her gegebenen Konstanten. Nicht unbedingt zu bewahren ist alles das, was vom Ursprung her nicht wesentlich ist, was Schale und nicht Kern, was Ausbau und nicht Fundament ist.
So verhilft denn eine Paradigmenanalyse angesichts all des religiösen Wirrwarrs gerade im Zeitalter der Globalisierung zu einer globalen Orientierung, wichtig vor allem für die Neugestaltung der internationalen Beziehungen, des Verhältnisses Westen–Islam und auch der Beziehungen zwischen den drei abrahamischen Religionen Judentum, Christentum und Islam.
Die Optionen sind klar: Entweder Rivalität der Religionen, Zusammenprall der Kulturen, Krieg der Nationen – oder Dialog der Kulturen und Frieden zwischen den Religionen als Voraussetzung für den Frieden zwischen den Nationen! Sollten wir angesichts der tödlichen Bedrohung der Gesamtmenschheit nicht, anstatt neue Dämme des Hasses, der Rache und Feindschaft aufzurichten, lieber die Mauern des Vorurteils Stein um Stein abtragen und damit Brücken des Dialogs bauen, Brücken gerade auch zum Islam?
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Bildunterschriften, Marginalien, Zitate:
Hans Küng geboren 1928, lehrte bis zu seiner Emeritierung katholische Dogmatik und ökumenische Theologie in Tübingen. Er ist Präsident der von ihm gegründeten Stiftung Weltethos.
»Zu bewahren ist vor allem das Wesen, der Kern einer Religion. Nicht unbedingt zu bewahren ist all das, was Schale und nicht Kern, was Ausbau und nicht Fundament ist«
Quelle: http://www.publik-forum.de
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